An der Bahnsteigkante.

Dieser Beitrag läuft in meinem Notizbuch unter dem Namen Rednerinnenliste. Arbeitstitel sind wichtig um enventuellen Finderinnen den Spaß an der Sache zu verderben. Wer liest schon freiwillig eine Rednerinnenliste?

Wir sind vermutlich die Geschäftsreisenden von morgen. Statt Aktenkoffer – Jutebeutel und Kuriertaschen. Ihr wisst schon diese hippen Dinger.Eigentlich sind wir keine Geschäftsreisenden mehr. Eher prekarisierte, verdrogte und selten mal glücklich Reisende.
Die, die von Zeit zu Zeit mal aussprechen, also zumindest lauter denken, dass wir die klugen Köpfe sind, die über die dumme Herde gepflegt lachen kann. Diese vervolkte Gemeinschaft, manche nennen sie Menschen, gibt sich aber auch nicht allzuviel Mühe ihre Lächerlichkeit zu verbergen oder sie in sympathische Charakterzüge umzuformen.

Ich stehe an einem Bahnsteig in einem Hauptbahnhof. Eine Dilletantin im Planen ihrer Zeit ausnahmsweise mal zu früh, aber dafür so ordentlich. Immerhin nicht nüchtern. Der Bahnsteig ist mit voll ganz nett umschrieben. Rüstige Menschen auf dem Weg ins Nirgendwo. Dieses Nirgendwo ist die Zone oder Berlin. Die Leute, die in die Zone wollen erkennt man an ihre Fahrrädern. Die, die nach Berlin wollen an Verpflegung für zwei Weltkriege und lässig um den Hals geworfenen Kameras und dem unbedingten Willen noch ein Bild mit sich und der Liebsten vor dem Brandenburger Tor zu schießen. Vielleicht sogar mal durchgehen, jetzt wo man sicher sein kann, dass keine rotfaschistischen SED-Folterknechte mehr ihr Unheil treiben. Diese neumodischen Berlinsouvenir-Folterknechte sind ja auch wesentlich sympathischer. Könnte man meinen wenn man nicht klug ist.
Drängelnd stehen sie an den Türen, die ins Glück führen. Also ins miefige IC-Abteil. Einige Türen vergisst der Herdentrieb, konzetriert sie mahnhaft auf die mittleren.

»Hi, ich soll dich von Bärchen grüßen.« Was zur Hölle? »Soso, wo war die denn?« Ende der Aufmerksamkeitsspanne. Ein eindeutig beispielhaftes Gespräch zwischen Schaffnerinnen. Sage ich, das mit bombastischer Sicherheit Verplantheit ausstrahlende Wesen an der Wagenstandsanzeige.

Der Mob hat mittlerweile entdeckt, dass es tatsächlich mehr als zwei Zugänge zu dieser, humanen Maßstäben zumindest nahekommenden, Sardinenbüchse für Renterinnen und solche, die es bald sein wollen gibt.
Als gäbe es etwas umsonst strömen sie nun von den mittleren Türen weg hin zum Ende. Im Laufschritt Marsch! Eine Tätigkeit, die so fesselnd, spannend und befriedigend sein kann, dass irgendjemand nicht nur grinst wie bei der Afterhour. Das wär ja auch nicht genug, in seinem Trachtverschnitt (bayrisch) entfährt im ein Jauchzer der Zufriedenheit.
Wenigstens haben die Wesen Spaß dran dumm zu sein.

Mittlerweile staut es sich an den neu entdeckten Eingängen. Die mittleren liegen vereinsamt da.

»Wir wollen doch nur ein Wochenende weg und schon beschweren die sich!« Zwei Frauen laufen vorbei. Geschätzt zehn Jahre jünger als ihre Gesichter vermuten lassen. Wenigstens. Der Anblick von Sekt entschuldigt. Warum ihre Männer scheiße sind erkläre ich ihnen nicht. Dabei wäre es wohl besser gewesen.

Die Schaffnerin neben mir hat mittlerweile ihr anfängliches sie beinahe nett scheinendes zynisches Lächeln mittlerweile durc pure Genervtheit ersetzt. Das Gespräch mit der Kollegin ist verebbt. Bärchens Reiseroute war anscheinend nicht ergiebig genug.

Nur ein paar Stunden, vermutlich eher Minuten, später sind alle ordentlich verstaut. Die Kapazität der Sardinenbüchse ist auch erreicht, die ersten müssen sich schon mit Stehplätzen zufrieden geben.
Der Zug fährt los. Wie auf einer mittelmäßigen Perlenkette aufgereiht ziehen die vom parasitären Durchschnitt Befallenen an mir vorbei.

Irgendwann kommt der ICE mit Fahrtrichtung Untergand, also Berlin. Warum aus Berlin der Untergang kommt ist eine andere Geschichte.
Das Spektakel fand im falschen Gleisabschnitt statt. Also Herde schauen im ICE. Der Parfumdunst, der einer aus dem Waggon entgegenschlägt wäre geeignet den Modergestank zu übertünschen sollte auch die Hälfte der Teilnehmerinnen dieser Butterfahrt in den Gaza-Streifen Großstadtmoloch nicht überleben. Vielleicht ist er auch genau dafür da.

Ein Bord-Bistro später endlich sitzen. Auf der anderen Seite des Ganges sitzt die Bourgeoisie und liest »Rechtsprobleme des Hochschulsponsorings«. Ich leg mich schlafen.

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3 Antworten auf „An der Bahnsteigkante.“


  1. 1 nada 07. Mai 2010 um 20:22 Uhr

    das erinnert mich gerade sehr an einen text den ich mit 17 während meiner ersten intensiven konfrontation mit xtc geschrieben habe, nur verzichtete damals ich aus stilgründen (bzw. um über den inhalt hinweg zu täuschen) auf absätze und leerzeichen… ;)

  2. 2 rock n riot 07. Mai 2010 um 21:08 Uhr

    Texte auf xtc schreiben? Ihr seid doch alle jeck!

  3. 3 saltzundessick 08. Mai 2010 um 16:58 Uhr

    ich hab das copyright auf „baerchen“®

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