Gegen Oberlehrerinnen. Für eine verhunzte Rechtschreibung.

Seit einigen Tagen befindet sich auch blogsport im Besitz eines Instituts für Sprachhygiene. Grund genug auf diesen Fetisch einiger deutscher Linker, die sich in ihrem bildungsbürgerlichen Habitus mit bemerkenswerter Penetranz gefallen, einzugehen.

Oberster Ausdruck dieser Sitte ist es eine Schwäche in Rechtschreibung und Zeichensetzung als Argument, wenn schon nicht für die eigene Position, dann aber doch wenigstens gegen die entgegengesetzte zu nehmen. So werden Zitate in denen das, in Deutsch-Leistungskurs und Germanistikstudium, geschulte Auge einen Fauxpaus in der korrekten, weil vorgegebenen, Verwendung der Sprache ausmacht mit dem Hinweis »Fehler im Original« versehen. Über das Anprangern der mangelhaften Anwendung deutscher Sprache stellt man sich selbst nicht nur als coole Checkerin dar, die einen Haufen kapiert hat, die Kontrahentinnen werden wenigstens im Subton als dumme Loserinnen gebrandmarkt. Dabei kann die Rechtschreibfanatikerin den größten Rotz aufgeschrieben haben, sie hat ja wenigstens die Rechtschreibung auf ihrer Seite, so schlimm kann das also doch gar nicht sein.

Linke schreiben sich oft auf die Fahne eine, wesentlich seltener begrifflich gefasste, Herrschaft oder Ausbeutung bekämpfen zu wollen, diesem Anliegen wird von den Sprachpuritanistinnen ein Bärendienst erwiesen. »Deutsche Sprache, schwere Sprache« lautet ein Merksatz derjenigen, die sich den Leitsatz einer jeden vernünftigen Jugendantifa »Deutsch schwänzen« zu Herzen genommen haben. Genau das ist die Krux an der ganzen Sache, wenn schon Linke mit einer ekelhaften subtilen Aggressivität an ein belangloses Thema wie Rechtschreibung angehen, werden Hürden sich einzubringen für Migrantinnen, Lernbehinderte oder Leute mit niedrigerem Schulabschluß bzw. schlicht keinem Gefühl für die Tücken der scheißdeutschen Grammatik, soll es geben liebe Oberlehrerinnen, erhöht und die Angst vor sozialer Demütigung erhöht.

Der schlicht und ergreifend einfachste und banalste Anspruch, der an einen Text zu stellen ist, dass er zu verstehen ist. Ironischerweise nimmt die Möglichkeit des Verstehens für einen Großteil der Menschheit aber mit mehr universitärem Duktus ab, so mag ein Text vorgelegt werden, der zwar grammatikalisch einwandfrei ist und einen jeden Schreibwettbewerb mit Abstand gewinnen würde, von denen aber, die damit agitiert werden sollen, also die ideele Gesamtmenschheit, nicht mehr verstanden werden kann. Dann hat man sich eine schöne Mastubiervorlage zusammengeschustert, ansonsten aber nichts gesagt.

Und nichts anderes macht das Institut für Sprachhygiene, mit dem Duden in der einen, dem Rohrstock in der anderen Hand wird sich auf die Pirsch durch die Abgründe des Planet Blogsports begeben. Wenn sich ein Fehler auftut wird sich, stets in der Pose der Alles und viel Besserwissenden an die Korrektur gemacht. Der Wahn der Rechtschreibung hat sich bei jenen semiprofessionellen Sprachhygienikerinnen schon zur Kritik gemaustert. Allen Ernstes halten sie fest, »daß die häßlichsten Elaborate meist von Nazis verfaßt sind. Mit solchen Geistern sollte man sich nichtmal formal gemein machen.« Man merke, Nazis können ihre eigene Sprache nicht, was für ein Nullargument, und man sollte eine nach allen Regeln der Kunst gestaltete Rechtschreibung und Grammatik anwenden um sich nicht mit den Nazis gemein zu machen. Wenn man so weiterdenkt muss man sich wohl eine neue Sprache ausdenken, denn wenn man irgendeine andere korrekt anwendet macht man sich noch mit den herrschenden Horrorgestalten von Demokratinnen gemein, und das kann man ja auch nicht wollen.

Der einzig vernünftige Anspruch an einen Text ist und bleibt der ihn verstehen zu können, alles darüber hinaus ist autoritäre Scheiße. Ob sich Linke mit Nazis oder Demokratinnen gemein machen entscheidet sich eben nicht an der Anzahl von Rechtschreibfehlern pro 200 Wörter, sondern ganz schlicht und ergreifend an den Inhalten, die mit diesen 200 Wörtern transportiert werden. Wer da eine korrekte Kritik des Nationalstaates abliefert und das Kapitalverhältnis mit den richtigen Argumenten zum Teufel wünscht, die ist auch keine Faschistin oder Demokratin, egal ob sie es schafft Scheißdeutsche richtig zu schreiben oder nicht.

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8 Antworten auf „Gegen Oberlehrerinnen. Für eine verhunzte Rechtschreibung.“


  1. 1 zapperlott 09. März 2010 um 17:06 Uhr

    Gähn. Noch dümmer als »das Lektorat« ist dieser Text, der sich ekelhaft wichtig nimmt und nicht einmal seinem eigenen Anspruch, gut lesbar und verständlich zu sein, gerecht wird. (Das wäre mal ein Thema, über das sich zu diskutieren lohnte.) Im Übrigen ist es z.B. eine Qual, Texte zu lesen, bei denen Kommata irreführend gesetzt sind.

    Könnt ihr euch nicht mal ein Hobby suchen, onanieren oder so?

  2. 2 rock n riot 09. März 2010 um 17:28 Uhr

    Nun, ich, setze, Kommata in der, Regel so wie sie mir gefallen. Mal hier, mal da. Macht Spaß und wurde mir in meiner Provinzschule und später im Studium auf einer Dorfuniversität nie beigebracht. Wichtig nehmen tun sich hier eh nur die einen und das sind die Lektorinnen. Dieser Text nimmt sich nicht wichtig, wie soll so ein Text das eigentlich machen, er ist wichtig. Warum? Ganz einfach, weil der Anspruch ein blöder ist und korrekt begründete Einwände dagegen, wie der hier, wichtig sind. Sagen wir mal so, das ist nicht gerade ein oft verhandeltes Thema.
    Lass uns gerne über Verständnis diskutieren. Dass der Text da ein paar Schnitzer hat möchte ich bei erneutem Drüberlesen gar nicht aberkennen. Die Wiederholungen sind zum Beispiel furchtbar, das ist aber der Eile geschuldet mit dem ich das zusammengetippt hab, ist leider nicht so als das ich nichts anderes vor hätte, da fällt das Redigieren auch mal vom Laster.

  3. 3 Lektorat 09. März 2010 um 22:23 Uhr

    Wir hatten das Gefühl, unsere Argumente für einen verantwortungsvollen Umgang mit der jeweils verwendeten Sprache auf den Punkt gebracht zu haben, aber offenbar besteht doch noch Klärungsbedarf.
    Zunächst: daß freundliche Handreichungen zu einer sicheren Verwendung der deutschen Rechtschreibung mit Hygiene zu tun hätten, sagen nicht wir, sondern Du. Fänden wir Texte in unkonventioneller Rechtschreibung unappetitlich oder ungesund, würden wir sie nicht lesen und auch keine Vorschläge zur Verbesserung der Verständlichkeit hinterlassen. Unser Anliegen ist zuerst, aufzuzeigen, wo Mißverständnisse aufgrund von Nichtbeachtung bewährter sprachlicher Übereinkünfte auftreten könnten.
    Trotzdem ist uns die Anerkennung einer – tatsächlich zunächst dem Duden entnommenen Rechtschreibung – auch darüber hinaus Herzensangelegenheit, und zwar nicht weil wir im Deutsch-LK sonst nichts verstanden hätten, sondern weil wir im Gegensatz zu Dir die gedankenlose Erosion von Sprache für überheblich halten. Während Deutsch sprechend aufgewachsene Menschen auch aus exzentrisch gemalten Worten den intendierten Sinn ziehen können mögen, wird dies für solche zum Problem, die nicht muttersprachlich Deutsch sprechen und sich aber entschieden, in dieser Sprache folgen und verfassen zu wollen. Je nachdem wie die Aneignung der deutschen Sprache bei diesen Menschen vonstatten geht, stellt die Verwendung von Verballhornungen und eigenmächtigen Wortschöpfen, die nicht in den fremdsprachlichen Lehrbüchern gefunden werden können, vielleicht Hürden auf, die nicht beabsichtigt, aber eben trotzdem schwer zu bewältigen sind.
    Trotzdem verteidigen wir nicht die akademische Arroganz, mit der sich besonders kritikbegabt wähnende Theoretikerinnen mitunter ihre Publikationen dem Großteil der lesenden Öffentlichkeit verschließen. Sicherer Umgang mit Grammatik und Rechtschreibung ersetzt doch keine Argumente, leistet aber unserer Ansicht nach deren Verständnis Vorschub. Was Du uns in diesem Post mitteilst, verstehen wir und nehmen wir erst, aber dennoch liest sich der Text aufgrund Deiner dandyhaften Kommasetzung nicht flüssig.
    Leider verstehst Du auch unseren augenzwinkernden Hinweis darauf, daß diejenigen mit der falschesten Kritik i.d.R. auch das „falscheste“ Deutsch schreiben, nicht als solchen. Auch wenn es uns nicht darum geht, Texte inhaltlich zu kritisieren, sondern nur ihre Verständlichkeit aufgrund ihrer Form, würden wir den – in diesem Fall ist das Wort wirklich angebracht – mangelhaften Sprachgebrauch des gemeinen Forennazis niemals als Argument gegen ihn verwenden.
    Ein abgeschlossenes oder teilweise geführtes Germanistikstudium hat keine von uns vorzuweisen. Die Feststellung unserer Semiprofessionalität läßt uns also völlig kalt. Daß wir der Rotstift der bürgerlichen Demokratie sein sollen, trifft uns, allerdings gilt auch hier, nicht in vorbürgerliche Verhältnisse zurückzufallen. Gegen die sprachliche Barbarei!

    Im ersten Satz nach dem Grafikelement fehlt die Feststellung, was der „banalste Anspruch“ an einen Text, der zu verstehen ist, sein soll. Weil „Alles“ groß geschrieben ist, bleibt unklar, ob von „Alleswissenden“ oder von „Alles Besserwissenden“ die Rede ist.

    Liebe Grüße und danke für die Denkanstöße
    die Lektorinnen

  4. 4 rock n riot 10. März 2010 um 16:17 Uhr

    Moin Moin,
    erstmal ein kleines bis mittelschweres Sorry für meinen Ton. Ich war ein wenig angefressen ob der Thematik, die selten von Seite der Rechtschreiblover mit soviel Verständnis für Kritik daran geübt wird wie von euch.
    Sicherlich geht der Vorwurf des schweren Verständnis für nicht Muttersrachlerinnen auch in die andere Richtung und davon fallen mir genauso Beispiele ein für den von mir angeprangerten universitären Duktus, der gerade im antideutschen Lager gepflegt wird. Wer sich da nicht mit Hunderten Zeichen langen Satzkonstruktionen auszudrücken weiß die hat schon verloren. Machen ja alle so. Ich will denen gar nicht unbedingt unterstellen das absichtlich zu betreiben, die Häufigkeit lässt aber erstaunen. Mir wäre jedenfalls kaum ein Text bewusst, der sich nicht dem Adorno entliehenen Duktus bedienen würden und mal von kurzen Sätzen ohne Tausende Begriffe wahlweise der Kritischen Theorie oder der Kritik der politischen Ökonomie auskommen würde.
    Das Augenzwinkern bei der Anspielung auf die Nazis muss ich übersehen haben, vielleicht fesselte mich irgendwas was nun hier zu sehen ist so sehr.
    Und der Punkt mit der Barbarei, der ist nun der allergrößte Humbug. Weil ich das Blog nur so nebenbei betreibe sehe ich keine Notwendigkeit bereits Gesagtes zu wiederholen und verweise deswegen auf den Text »Die Dialektik des Antideutschtums« vom Grand Hotel Abgrund. Dieses Wort nun auch noch auf die Sprache übertragen zu wollen, wo es für die Gesellschaft doch schon unpassend ist, halte für äußerst unpassend. Ich hoffe das war auch nur ein Augenzwinkern, das ich zwischen Blog-Kommentaren und Streß übersah.

    Einen ebenso lieben Gruß,
    rock n riot

    P.S. Ja, meine Zeichensetzung genügt den Standards der deutschen Grammatik nicht, aber ich kann damit leben. Bis jetzt hat noch jede verstanden, was ich ihr zutextete.

  5. 5 Lektorat 14. März 2010 um 0:15 Uhr

    Im Hotel werden die Begriffe „Kultur“ und „Zivilisation“ synonym verwendet, womit auch die Hauptunterstellung des Textes hinfällig wird; solange noch irgendwie eine organisch gewachsene Gesellschaft von ihren geistig erhöht sich wähnenden Vordenkern als „Kultur“ der „Einheitszivilisation“ gegenüber starkgemacht wird, ist die Welt eben nicht „restlos aufgeklärt“. Mag ja sein, daß die Befriedigung der Alltagsreligion Antisemitismus im NS als Krisenlösung konsequent der Logik der bürgerlichen Ökonomie gefolgt ist. Aber als völkisches Projekt war doch der NS vorsätzlich als Gegenentwurf zur Zivilisation ausgelegt, und zwar ausdrücklich auf Basis der als für die Enstehung von „Kultur“ aus Blut und Boden grundlegend angesehenen und positiv besetzten „Barbarei“. Deutsche Urwälder und der Eber und so. Guck doch mal hier: http://jungle-world.com/artikel/2010/10/40539.html

    Hinsichtlich „Adorno entliehenem Duktus“ und schamloser Ejakulation von Kapital-Vokabeln sind wir uns wahrscheinlich einig. Das hätten wir vielleicht einfach nochmal erwähnen können, allerdings geht es uns ja auch nicht groß um Stil, sondern um Orthographie und Syntax.

    Liebe Grüße und heiteres Wochenende weiterhin!

  6. 6 rock n riot 21. März 2010 um 19:03 Uhr

    Was der Text da macht ist ein Parforceritt durch eine Zitatesammlung Deutscher, die so auch bei Wikiquote stehen könnte. Zu einem Abgleich mit der Wirklichkeit wird sich nie bemüht und wenn dann mit nichtssagenden Floskeln wie Paraden der Nazis oder »Damit war alles gesagt« bezüglich eines Zitates in dem es um Seife und Parfum geht (sic!).
    Es ist doch egal was sich völkische Denker so alles zusammendichten, wenn das mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat. Alleine der Zeitrahmen, der da abgedeckt werden will ist doch hahnebüchend. Von 17xx bis in die BRD in einem Vorstoß, ohne jegliche Bestimmung der verwendeten Begriffe für einzelne Denker oder Epochen vorzunehmen. Ja, schön, dann haben eben Trottel, die 80 Fußnoten hergeben, dies und das zur Zivilisation gesagt und denen ist das sicherlich ganz böse aufgestoßen was mit ihrem armen Deutschland passierte, aber es ist doch eben doch passiert. Die Jüdinnen wurden hochziviliert und effektiviert in die Ausrottung getrieben, die wurden nicht »barbarisch« mit Holzlatten und Steinklötzen hingerichtet. Die Wehrmacht hat eifrig Panzer gebaut und hat Polen nicht auf domestizierten Pferden angegriffen (ja, es gab noch Kavallerieeinheite, aber das tut nichts zur Sache, weil die am Aussterben waren und nicht als Beweis einer deutschen Kultur in Ehren bewahren wurden). Und so weiter.
    Kultur und Zivilisatiion werden vom Autor als diametrale Gegensätze gedacht, was aber objektiv falsch ist. Den jeweiligen Erneurungen der Zivilisation gibt die Kultur die Vollendung. Wenns um die Reinhaltung der Kultur gegangen wäre wäre auch das Radio oder später Fernsehen ein No-Go gewesen.
    Und so schimpft man auf die »Einheitszivilisation« macht sich die Errungenschaften derer aber im jeweiligen kulturellen Rahmen zu Eigen. In Deutschland wird eben Fußball in riesigen Arenen und vor immer größer werdenen Bildschirmen mit den Volksgenossinen gefeiert, in den USA Baseball…

  7. 7 Stromsau 24. Juli 2010 um 16:41 Uhr

    Einen Text, der mir nicht wichtig ist, würde ich gar nicht erst aufschreiben. Dabei bemühe ich mich gern, die Regeln einzuhalten. Obwohl dies nicht durchgängig gelingt, sind Fehler keine Absicht. Linke Theoriepamphlete sind schwer genug zu lesen. Es ist nicht notwendig, dass sich zu Unterstrichen, kleingeschriebenen frauen und allen möglichen Fehlübersetzungen ins Geschlechtsneutrale auch noch andere Marotten gesellen. Über jede Hilfe und sachdienliche Hinweise freue ich mich immer.

    S.

  1. 1 Widerstände « Das Lektorat Pingback am 11. März 2010 um 19:36 Uhr
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